Noro- und Rotaviren

Veröffentlichung: 02.02.2026
Autorin: Monika Loerchner


 

Die einen nennen es „Magen-Darm-Grippe“, die anderen haben weitaus weniger schmeichelhafte Namen für eine Erkrankung, die mit Erbrechen und Durchfall einhergeht. Schön ist das Ganze auf jeden Fall nicht. Dennoch erwischt es so gut wie jeden. Ursache dafür sind häufig Noro- oder Rotaviren. 

Sandra Striebe, Hygienekontrolleurin beim Gesundheitsamt des Hochsauerlandkreises, stand uns zu diesem Thema Rede und Antwort.

 

Hallo Frau Striebe! Ich habe beschlossen, mich dieses Jahr nicht mit Noro- oder Rotaviren anzustecken. Wie hoch sind meine Erfolgschancen?

Sandra Striebe: „Ich fürchte, nicht besonders hoch. Noro- und Rotaviren sind hochansteckend und können selbst durch winzigste Tröpfchen übertragen werden.“

 

Also weist ein Ausbruch in einer Einrichtung nicht auf mangelhafte Hygiene hin?

Sandra Striebe: „Nein. Haben Sie Kinder?“

 

Ja.

Sandra Striebe: „Gut, dann stellen Sie sich vor, Ihr Kind erbricht nachts. Sie gehen hin, halten eine Schale oder Schüssel und das Kind erbricht weiter. Sie holen Luft, atmen müssen Sie ja, und haben sich dann schon mit hoher Wahrscheinlichkeit angesteckt.“

 

Würde es etwas helfen, wenn ich mir vorher eine FFP2-Maske aufsetzen würde?

Sandra Striebe: „Eine FFP2-Maske würde das Risiko erheblich reduzieren, aber die Versorgung des Kindes darf nicht leiden, daher bietet sich die FFP2-Maske nur an, wenn sie sofort greifbar ist

 

Stimmt. Was kann man noch tun, um eine Ansteckung zu verhindern?

Sandra Striebe: Wenn ein Kind erbrochen hat, sollten Sie den Raum gut lüften, ggf. Erbrochenes mit Schutzhandschuhen aufnehmen, Flächen gründlich reinigen und alle Wäschestücke, die mit Erbrochenem oder Stuhl Kontakt hatten, waschen. Und das bitte bei mindestens 60 Grad Celsius, sonst werden die Viren nicht inaktiviert. In einem solchen Fall also bitte kein Energiespar- oder Kurzprogramm einstellen und am besten ein Vollwaschmittel mit Bleichstoffen einsetzen. Bei niedrigeren Temperaturen haben Sie lediglich einen optischen Wascherfolg.“

 

Ich wusste nicht, dass man Viren inaktivieren kann. Geht es nicht darum, sie zu töten?

Sandra Striebe: „Sie können Viren nicht töten, weil Viren im Gegensatz zu Bakterien nicht leben.  Sie besitzen keinen eigenen Stoffwechsel und brauchen eine geeignete Wirtszelle zur Vermehrung. An diese docken sich die Viren mit ihren Spikes an. Übertragungswege bei Noro – und Rotaviren können durch gezielte Desinfektionsmaßnahmen unterbrochen werden, hierbei wird die Spikestruktur an der Virusoberfläche derart zerstört, sodass diese nicht mehr an Wirtszellen andocken können und es nicht mehr zur Vermehrung kommt. 

 

Das wusste ich gar nicht. Gut, ich inaktiviere die Viren also. Obwohl ich mich vermutlich sowieso bereits angesteckt habe…

Sandra Striebe: „Was passiert ist, ist passiert, da haben Sie schon recht. Unser Ziel ist es daher, eine solche Welle möglichst einzudämmen und eine Weiterverbreitung auf weitere Menschen möglichst zu vermeiden. Kinder, die Gemeinschaftseinrichtungen besuchen, z.B. Schule oder Kindergarten, dürfen diese erst wieder besuchen, wenn 48 Stunden lang keine Symptome mehr aufgetreten sind. Haben wir einen Ausbruch in KiTas oder einem Pflegeheim, sind wir vor allem beratend tätig. 

 

Wie kann ich mir so einen Ausbruch vorstellen?

Sandra Striebe: „Am Montag erbricht ein Kind in der Kindergartengruppe, seine Freunde stehen staunend daneben. Am Dienstag erhält die Einrichtung weitere Anrufe von Eltern die sagen, ihr Kind hat in der Nacht Brechdurchfall bekommen. Da haben wir es dann mit einer sogenannten Infektionskette zu tun. Die Ansteckung erfolgt durch Virusaerosole, also Tröpfchen in der Luft, die eingeatmet werden.

 

Was sollte der Kindergarten in so einem Fall tun?

Sandra Striebe: „Zum einen müssen akut Erkrankte zu Hause bleiben, damit es nicht zu weiteren Übertragungen kommt. Der Kindergarten sollte dann zum Beispiel die sanitären Anlagen und alle Kontaktflächen desinfizieren und generell eher Spielzeug anbieten, das man auch desinfizierend reinigen kann. Das ist nicht immer möglich, da muss man im Einzelfall einfach gucken. Zum Beispiel kann man dann während der Infektionswelle eine schwer zu reinigende Puppenecke einfach mal schließen. Außerdem sollte man den Wirkungsbereich von Flächen- und Händedesinfektionsmittel auf Mittel umstellen, die viruzid wirksam sind, also Viren deaktivieren.“

 

Das müssen Sie mir jetzt erklären – gibt es in dieser Hinsicht einen Unterschied zwischen Noro- und Rota-Viren?

Sandra Striebe: „Den gibt es in der Tat! Zunächst einmal wissen wir anfangs meist überhaupt nicht, mit welchem Virus wir es zu tun haben. Bei Noro ist dieses plötzliche, schwallartige Erbrechen charakteristisch, oft zeitgleich mit Durchfall. Insgesamt ist „Noro“ auch meist heftiger als „Rota“. Beide verlaufen von den Krankheitszeichen her aber ähnlich. Noroviren und Rotaviren sind als sog. „unbehüllte“ Viren schwieriger mit Desinfektionsmaßnahmen zu erreichen. Bei einem unbehüllten Virus sitzen die Rezeptoren zum Eindringen in die Wirtszelle direkt am Virus, bei den behüllten Viren sitzen diese auf einer umgebenden Lipidschicht, die einfacher zerstört werden kann. Damit wird das Virus dann infektionsuntüchtig. Die meisten Einrichtungen verfügen heutzutage über Desinfektionsmittel, welche auch solche Viren „kleinkriegen.“ Meist ist nur eine Erhöhung der Konzentration des Flächendesinfektionsmittels nötig oder Händedesinfektionsmittel müssen länger eingerieben werden.

 

Kann ich ohne Laborbefund gar nicht wissen, welches Virus mich bei Erbrechen und Durchfall erwischt hat?

Sandra Striebe: „Genau, dafür wäre eine Untersuchung des Stuhlgangs oder des Erbrochenem erforderlich. Bei Noro dauert es zwischen 6-50 Stunden, bis es nach der Ansteckung ausbricht. Bei Rota 1-3 Tage. 

 

Rota- und Noroviren machen fast das Gleiche – sind sie miteinander verwandt?

Sandra Striebe: „Nein. Dass sich die Symptome ähneln liegt nur daran, dass die gleichen Wirtszellen betroffen sind, wo sich die Viren angedockt haben. Durchfall und Erbrechen sind ja generell der Versuch des Körpers, die Viren wieder loszuwerden.“

 

Gruselig. Apropos: Ich las neulich, man könne ganz einfach testen, ob jemand zu wenig Flüssigkeit hat, indem man ihn vorsichtig in den Handrücken zwickt. Stimmt das?

Sandra Striebe: Ja, das macht man vor allem bei alten Menschen. Man nimmt eine Hautfalte am Handrücken in den sogenannten Pinzettengriff und drückt. Bleibt die Hautfalte stehen, ist das ein Anzeichen für Austrocknung. Weitere Anzeichen für eine Exikose sind eine Bewusstseinseintrübung, Kopfschmerzen, Schwindel, Herz- Kreislaufbeschwerden oder eine Dunkelfärbung des Urins. Kinder werden in einem solchen Fall oft apathisch. Daher sollte man bei einem schweren Verlauf immer einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen oder direkt ins Krankenhaus fahren. Besonders Säuglinge, deren Immunsystem ja noch im Aufbau ist, und alte Menschen, deren Abwehr sich bereits im Abbau befindet, müssen genau beobachtet werden. Oft ist es nötig, ihnen über eine Infusion Flüssigkeit zukommen zu lassen. Dafür werden die Erkrankten dann stationär aufgenommen und engmaschig überwacht.“

 

Wie wäre es, wenn ich generell alles bei mir zuhause desinfiziere? Wäre das nicht sinnvoll?

Sandra Striebe: „Desinfektionen gehören eigentlich nicht in den häuslichen Bereich, das war jetzt unter Corona nur eine Notlösung. Desinfektionsmittel können durch unsachgemäße Anwendung mehr Schaden als Nutzen bringen. Wir leben ja in Symbiose mit vielen bakteriellen Erregern, die wir auch brauchen.“

 

Also habe ich keine Chance, dem zu entgehen?

Sandra Striebe: „Manche Menschen werden verschont. Wissenschaftler vermuten, dass das u.a. mit der Blutgruppe zusammenhängen kann. Vielleicht haben Sie ja Glück…“

 

Kann man daran sterben?

Sandra Striebe: „Ja, an den Folgen. Es besteht vor allem bei ganz jungen, alten und vorerkrankten Menschen die Gefahr einer Exikose, einer Austrocknung. Bleibt das unbehandelt, kann es zum Beispiel zu Herz-Kreislauf-Problemen kommen und das kann tödlich enden. Seit 2013 empfiehlt die STIKO, die Ständige Impfkommision, die Rotavirenimpfung für alle Säuglinge unter 6 Monaten.“

 

Das geht für Noroviren nicht?

Sandra Striebe: „Leider nein, von Noroviren gibt es mehrere Genotypen, die eine Erkrankung beim Menschen verursachen können. Auch eine durchgemachte Erkrankung hinterlässt daher keine dauerhafte Immunität.“

 

Nochmal zurück zu Ihrer Arbeit: Noro- und Rotaviren sind ja meldepflichtig, aber bis Sie Kenntnis davon erlangt haben, haben sich ja schon viele Menschen angesteckt.

Sandra Striebe: „Wir bewerten die uns vorliegenden Fälle, die in Zusammenhang stehen. Nicht oft, aber eben doch manchmal haben wir es mit einem Verdacht auf einen Punktquellenausbruch zu tun. Wenn etwa in einer Einrichtung mehrere Personen gleichzeitig erkrankt sind, könnte die Ursache in einem kontaminierten Lebensmittel liegen. Dann arbeiten wir mit der hiesigen Lebensmittelkontrolle zusammen, die würden dann Küche und Lebensmittel kontrollieren. Das sind aber wie gesagt Ausnahmefälle.“

 

Angenommen, ich habe meinen Vater im Pflegeheim besucht und erfahre einen Tag später, dass es dort zu einem Ausbruch von Noro- oder Rotaviren kam. Was sollte ich jetzt tun oder nicht tun?

Sandra Striebe:  Abwarten, ob Krankheitssymptome auftreten und sich natürlich gegenüber vulnerablen Personengruppen so verhalten, dass diese nicht unnötig gefährdet werden. Vorsorglich sollte man sich sowieso immer vor dem Essen die Hände waschen und versuchen sich unterwegs nicht unbedacht ins Gesicht (Mund; Schleimhäute) zu fassen. Mit dieser einfachen Maßnahme kann man schon viel erreichen. Das gilt übrigens auch für den Fall, dass Sie unterwegs etwas essen möchten. Können Sie sich nirgendwo die Hände waschen, benutzen Sie etwas Abschirmendes, zum Beispiel die Brötchentüte, um ihren Snack nicht direkt anfassen zu müssen. Außerdem sollten Sie während der akuten Erkrankung keine Lebensmittel für den öffentlichen Verzehr (z.B. Kindergartenfest o.ä.) zubereiten.“

 

Ich hatte Kontakt mit einer erkrankten Person, verspüre zwei Tage später ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Ich lege mich mit einer Wärmflasche aufs Sofa und harre der Dinge, die aus mir herauskommen werden. Sollte ich mich sonst noch irgendwie vorbereiten, mir zum Beispiel Elektrolyt-Pulver besorgen?

Sandra Striebe: „Wichtig ist, dass sie die verlorene Flüssigkeit ersetzen. In der Regel ist man bei einer Rota- oder Norovireninfektion 2-3 Tage lang krank. Während dieser Zeit sind Sie übrigens hochinfektiös und sollten soweit möglich zuhause bleiben! Sie können z.B. Tee mit oder ohne Zucker trinken und z.B. Salzstangen oder Zwieback oder leicht Verdauliches essen. 

 

Im Internet kurieren viele Rezepte für selbst gemachte Getränke, die helfen sollen, etwas Orangensaft mit Zucker und Salz…

Sandra Striebe: „Wie bereits gesagt, wichtig ist, dass genug getrunken wird.“

 

Ich hasse Kamillentee…

Sandra Striebe: „Dann trinken Sie ihn nicht! Wenn Sie eher Lust auf eine Limonade haben, ist das in Ordnung!“

 

Sie meinen, ich bin als Kind jahrelang völlig umsonst mit literweise Kamillentee gequält worden?

Sandra Striebe: „Kinder machen das oft intuitiv richtig. Wenn die krank sind und auf etwas Appetit haben, wird das in der Regel auch vertragen. Leider verlieren wir im Laufe des Lebens diese Intuition, auf unseren Körper zu hören, weil wir Erwachsen meinen, immer funktionieren zu müssen. Wenn Sie also mögen, trinken Sie das worauf sie Lust haben. Nur natürlich keinen Alkohol ;-), nicht zu schnell und nicht zu viel, sonst… Sie wissen ja.“

 

Aber wieso kommt es dann vor allem in KiTas und Pflegeheimen immer wieder zu Ausbrüchen?

Sandra Striebe: „Die Einrichtungen hier im Hochsauerlandkreis sind in Sachen Hygienemanagement sehr gut aufgestellt. Es ist einfach so, dass in solchen Einrichtungen viele Menschen auf engem Raum zusammentreffen, die Bewohner, das Pflegepersonal und dann die Lieferanten und Besucher. Kinder dagegen sind in Sachen Hygiene noch in der Entwicklung, nehmen vieles in den Mund und stecken einander schnell an. Das ist leider so.“

 

Ich verstehe, was Sie meinen. Man kann diese Viren also nicht ausrotten und Antibiotika helfen ja nur gegen Bakterien. Ich glaube, wenn die nächste Rota-/Norovirenwelle rumgeht, igel ich mich einfach zuhause ein und warte, bis es vorbei ist…

Sandra Striebe (lacht): „Ich sage immer, das Leben ist ja nun mal ein Stück weit lebensgefährlich. Natürlich können Sie für immer und ewig zuhause bleiben und sich isolieren, sicherer wäre das auf jeden Fall. Aber ist es das lebenswert?“

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